Im modernen Fußball hat sich die Spielgeschwindigkeit in den letzten Jahrzehnten drastisch erhöht. Eine Studie von Wallace und Norton (2014) zeigt, dass die globale Spielgeschwindigkeit zwischen 1966 und 2010 um etwa 15 % zugenommen hat. In diesem Hochgeschwindigkeitssport entscheiden oft Millisekunden über Erfolg oder Misserfolg. Während physische Parameter wie Sprintgeschwindigkeit oft ausgereizt sind, liegt das größte Entwicklungspotenzial heute im Kopf der Spieler – genauer gesagt in der Fähigkeit, die Umgebung wahrzunehmen (Scanning) und diese Informationen blitzschnell zu verarbeiten.
Was ist Scanning? Die Wissenschaft der Vororientierung
Prof. Geir Jordet, einer der weltweit führenden Forscher auf diesem Gebiet, definiert einen „Scan“ als eine selbstinitiierte Kopfbewegung, bei der das Gesicht eines Spielers temporär vom Ball abgewendet wird, um Informationen über Mitspieler, Gegner oder freie Räume zu sammeln.
Es geht dabei nicht nur um das bloße „Umschauen“. Scanning ist das Fundament der Handlungsschnelligkeit. Ein Spieler, der scannt, bevor er den Ball erhält, erstellt ein mentales Modell des Spielfelds. Die Datenlage hierzu ist eindeutig: Mittelfeldspieler, die in den letzten 10 Sekunden vor der Ballannahme eine hohe Scan-Frequenz aufweisen, spielen Pässe mit einer um bis zu 20 % höheren Genauigkeit nach vorne.
Arsene Wenger brachte es prägnant auf den Punkt:
„Great players isolate from the ball; their head is like a radar.“
– Arsene Wenger
Fokus Kalenderwoche 5: Die Macht des peripheren Sehens
Scanning und peripheres Sehen sind zwei Seiten derselben Medaille. Während der direkte Blick (fokales Sehen) scharfe Details liefert, dient das periphere Sehen dazu, Informationen außerhalb des Fixationspunkts wahrzunehmen.
Das „verschwommene Foto“ als Entscheidungshilfe
Wissenschaftliche Analysen von Jordet zeigen, dass ein einzelner Scan oft weniger als eine halbe Sekunde dauert. In dieser kurzen Zeit nimmt das Gehirn keine gestochen scharfen Details wahr, sondern eher ein „verschwommenes Foto“. Spieler erkennen Schatten, Trikotfarben und Bewegungsmuster in ihrer unmittelbaren (proximalen) Umgebung.
Das periphere Sehen ermöglicht es dem Spieler:
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Gegnerdruck frühzeitig zu spüren, ohne den Ball aus den Augen zu verlieren.
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Laufwege von Mitspielern zu antizipieren, indem Bewegungen im Augenwinkel registriert werden.
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Die eigene Körperorientierung anzupassen, noch bevor der Ball am Fuß ist.
Ein Meister dieses Fachs ist Martin Ødegaard. Er trainiert sein Scanning seit dem achten Lebensjahr und beschreibt die Notwendigkeit der ständigen Wahrnehmung fast schon instinktiv:
„Ich fühle mich nackig, wenn ich nicht schaue.“
– Martin Ødegaard
Von der Wahrnehmung zur exekutiven Funktion
Wahrnehmung ist nur der erste Schritt im sogenannten Spielkompetenzmodell. Sobald die Informationen über das periphere Sehen und aktives Scanning aufgenommen wurden, müssen sie verarbeitet werden. Hier kommen die exekutiven Funktionen ins Spiel:
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Arbeitsgedächtnis: Speicherung der Positionen von Mit- und Gegenspielern.
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Inhibitorische Kontrolle: Die Fähigkeit, eine bereits geplante Aktion (z.B. einen Pass) abzubrechen, wenn sich die Situation durch einen heranstürmenden Gegner ändert.
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Kognitive Flexibilität: Das schnelle Umschalten zwischen verschiedenen Spieloptionen.
Studien am Internationalen Fußball Institut (IFI) belegen die Trainierbarkeit dieser Prozesse: Durch gezieltes kognitives Training konnte die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit um 0,4 bits pro Sekunde gesteigert werden.
Dieser Vorsprung in der Verarbeitung resultiert direkt aus einer besseren Vororientierung und ermöglicht es, die gewonnenen Informationen schneller in effektive Spielhandlungen umzumünzen.
Xavi Hernández, eine Ikone des Scannings, erklärte seine „Besessenheit“ so:
„Wenn ich ein Zuspiel erhalte, habe ich mich vorher bereits umgeschaut und weiß, ob ich Platz habe, um mich zu drehen, oder ob ich einen Gegner im Rücken habe.“
– Xavi Hernández
Praxistipps: So trainieren Sie Scanning und peripheres Sehen
Wie lässt sich diese „Radar-Fähigkeit“ auf den Platz bringen? Rein isolierte Übungen ohne Gegnerdruck sind laut Forschung wenig effektiv, da sie das Gehirn nicht zwingen, relevante von irrelevanten Informationen zu trennen.
1. Small-Sided Games (SSG)
Spielformen auf engem Raum (3vs3 oder 4vs4) sind ideal. Eine Studie von Roca et al. (2020) belegt, dass Spieler in SSGs deutlich häufiger scannen als in herkömmlichen Übungsformen, da die dynamische Situation eine ständige Anpassung erfordert.
2. Die „offene Stellung“ forcieren
Trainer sollten darauf achten, dass Spieler eine halboffene Körperstellung einnehmen. Wer mit dem Rücken zum Feld steht, schränkt sein peripheres Sichtfeld massiv ein. Ziel muss es sein, die Brust diagonal zum Spielfeld auszurichten.
3. Der „Kritische Scan“
Das Timing ist entscheidend. Der wichtigste Scan findet statt, während der Ball vom Mitspieler zum Empfänger unterwegs ist. In dieser Phase verändern sich die Positionen der Gegner am stärksten. Übungen sollten darauf abzielen, genau diesen Moment der Informationsaufnahme zu coachen.
Innovative Tools: RESWITCH als Gamechanger
Ein großes Problem im Training ist, dass Spieler oft „ballverliebt“ agieren. Herkömmliche Leibchen geben eine feste Teamzugehörigkeit vor, was das Gehirn unterfordert. Hier setzt das Konzept von RESWITCH an.
Durch Trainingsleibchen mit wechselnden Farben, Symbolen und Zahlen wird die kognitive Belastung gezielt erhöht. Ein Trainer kann während einer Spielform durch Zuruf die Kategorie ändern (z.B. von „Farbe“ auf „Symbol“). Dies zwingt die Spieler, ihren Blick vom Ball zu lösen, das Umfeld neu zu scannen und ihre exekutiven Funktionen (Arbeitsgedächtnis und Flexibilität) maximal zu fordern.
Untersuchungen zeigen, dass durch ein solches Training die Scan-Frequenz um bis zu 19 % gesteigert werden kann. Es simuliert den „Chaos-Faktor“ eines echten Spiels und macht die Wahrnehmung zu einer permanenten Aufgabe.
Fazit
Scanning und peripheres Sehen sind keine gottgegebenen Talente, sondern trainierbare Fähigkeiten. Spieler wie Frank Lampard (mit 6,2 Scans pro 10 Sekunden der Spitzenreiter in Jordets Premier-League-Studie) haben gezeigt, dass die ständige Informationsaufnahme der Schlüssel zum Weltklasse-Niveau ist.
Für Trainer bedeutet das: Schaffen Sie Spielformen, die Wahrnehmung fordern, nutzen Sie moderne Tools wie
RESWITCH und machen Sie das Scanning zu einer festen Gewohnheit Ihrer Spieler. Denn im Fußball gewinnt oft derjenige, der das Bild schon im Kopf hat, bevor der Ball überhaupt den Fuß berührt.