Scan-Richtung im Fußball: Wohin du schaust, bestimmt wie du spielst

Wohin du schaust, bestimmt wohin du spielst: Die Scan-Richtung im Fußball

Ein Mittelfeldspieler dreht den Kopf einen Moment vor dem Ballempfang kurz nach rechts. Der Ball kommt. Der erste Kontakt geht nach rechts. Das Spiel wird nach rechts fortgesetzt. Zufall? Nein. Das ist Perception-Action-Coupling – und neuere Forschung zeigt, dass dieser Zusammenhang zwischen Blickrichtung und Handlungsentscheidung erheblich stärker ist als bisher angenommen. Für Trainer hat das konkrete Konsequenzen.

Fußballspieler scannt das Spielfeld vor dem Ballempfang – visuelle Vororientierung im Fußball

Nicht ob dein Spieler scannt – sondern wohin

Der Fokus im Coaching rund ums Thema Scanning liegt häufig auf der Häufigkeit: Wie oft dreht der Spieler den Kopf? Das ist ein sinnvoller Einstieg – aber zu kurz gedacht.

Eine Feldstudie von Pokolm et al. (2023) mit 162 Spielern der UEFA-U17- und U21-Europameisterschaft 2019 zeigt: Die Richtung des letzten Scans vor dem Ballempfang ist ein starker Prädiktor dafür, welchen Fuß ein Spieler für den ersten Ballkontakt nutzt – und in welche Richtung das Spiel danach fortgesetzt wird. Wer zuletzt nach rechts geschaut hatte, nutzte mit deutlich erhöhter Wahrscheinlichkeit den rechten Fuß. Das Muster galt analog für Linksscanner. Der Effekt war dabei deutlich stärker als der Einfluss der allgemeinen Spielrichtung auf dem Feld.

Für die Trainingspraxis bedeutet das: Es reicht nicht, Spieler zum Kopfdrehen zu bringen. Entscheidend ist, dass sie in relevante Richtungen schauen – und dass diese Blickbewegungen sowohl links als auch rechts stattfinden. Einseitige Scan-Gewohnheiten machen Spieler berechenbar.

Der Critical Scan: Das letzte Update vor dem Ballkontakt

In der langjährigen Forschung von Geir Jordet (Norwegian School of Sport Sciences) zu visuellem Scanning fällt der Begriff des „kritischen Scans": der letzte Blickwechsel unmittelbar vor dem Ballempfang. Dieser Scan ist besonders wertvoll, weil er die aktuellsten Informationen liefert – idealerweise findet er noch statt, während der Ball auf den Spieler zurollt.

Mehrere kurze Blickwechsel hintereinander ergeben das vollständige Situationsbild. Aus einzelnen Scans nehmen Spieler dabei eher Informationen über unmittelbar umliegende Gegner und Teampartner auf; erst durch mehrere aufeinanderfolgende Blickwechsel entsteht ein Überblick über das gesamte Spielgeschehen.

Für Trainer ist die Schlussfolgerung klar: Das Timing der Vororientierung ist trainierbar und coachbar – und der letzte Blick vor dem Ballkontakt ist der wichtigste.

Positionsspezifisch denken: Nicht jeder Spieler schaut gleich oft – und das ist normal

Studien zeigen konsistente Unterschiede zwischen Positionen: Zentrale Mittelfeldspieler weisen die höchsten Scanning-Frequenzen auf, gefolgt von Innenverteidigern. Flügelspieler und Außenverteidiger scannen durchschnittlich weniger häufig, und Stürmer scannen deutlich seltener.

Das ist kein Qualitätsmerkmal – sondern ein Abbild des Aufgabenprofils. Ein Stürmer agiert häufig unter unmittelbarem Gegnerdruck mit minimalem Zeitfenster. Ein zentraler Sechser braucht das Gesamtbild des Feldes, um die richtige Anspielstation zu identifizieren.

Spieler wie Erling Haaland und Kylian Mbappé scannen auf ihren Positionen deutlich häufiger als der Durchschnitt vergleichbarer Stürmer – ein Zeichen, dass Scanning-Qualität innerhalb einer Position auch zwischen Leistungsniveaus differenziert.

Für die Trainingsplanung bedeutet das: Positionsspezifisches Scanning-Training ist kein Luxus, sondern methodische Konsequenz. Was für einen Sechser sinnvoll ist, ist für einen Stürmer unter hohem Pressing-Druck kaum repräsentativ.

Scanning wirkt nur im richtigen Trainingskontext

Eine Untersuchung mit 239 Spielern der UEFA-U17-, U19- und U21-Europameisterschaft zeigte: Eine höhere Scanning-Frequenz war positiv mit der Passquote und einer aktiveren Körperhaltung beim Ballempfang assoziiert. Gleichzeitig hatte Gegnerdruck einen starken Einfluss – sowohl auf die Passqualität als auch auf die Körperausrichtung beim Empfang.

Das ist eine wichtige Einschränkung: Scanning in isolierten, drucklosen Formen trainiert zwar den Reflex – transferiert aber kaum ins Spiel.

Coaches wird empfohlen, Spielformen mit variierendem Gegnerdruck und unterschiedlichen Körperhaltungsmöglichkeiten zu gestalten, um spielnahe kognitive Adaptionsprozesse zu fördern. Genau hier setzt RESWITCH an. Das SWITCH-Prinzip – der spontane Wechsel der aktiven Kategorie auf Leibchen und Tormarkierungen – zwingt Spieler dazu, den Blick aktiv vom Ball zu lösen und in wechselnde Richtungen zu scannen. Wer herausfinden muss, wer gerade sein Teampartner ist und auf welches Tor er abschließen darf, trainiert automatisch sowohl die Scanning-Frequenz als auch die Scan-Symmetrie – den Faktor, den die Forschung als starken Prädiktor für Fuß-Wahl und Spielfortsetzungsrichtung identifiziert hat. Nicht als isolierte Kopfbewegung. Sondern eingebettet in echten Spieldruck und wechselnde Anforderungen.


Quellen:

  • Pokolm et al. (2023): Head movement direction in football. Journal of Sports Sciences. doi.org/10.1080/02640414.2023.2235160
  • Pokolm et al. (2022): Modeling Players' Scanning Activity in Football. Journal of Sport and Exercise Psychology, 44(3). doi.org/10.1123/jsep.2020-0299
  • Jordet, G. (2022). Norwegian School of Sport Sciences – Visual Scanning Research & Presentations