Stellen Sie sich ein Finale der Champions League vor. Ein Mittelfeldspieler erhält den Ball im Zentrum, dreht sich elegant nach rechts auf, übersieht jedoch den heranstürmenden Verteidiger in seinem Rücken auf der linken Seite. Ballverlust, Gegentor. Warum hat ein Weltklasse-Athlet diese Lücke in seiner Wahrnehmung? Die Antwort liegt oft nicht in mangelnder Technik, sondern im sogenannten einseitigen Scanning-Verhalten.
In der zehnten Kalenderwoche widmen wir uns einem der faszinierendsten Phänomene der Sportpsychologie: Warum Profis oft eine „schwache Seite“ bei der visuellen Informationsaufnahme haben und wie man diese durch gezieltes kognitives Training beheben kann.

Was ist das Problem beim Scanning?
Scanning – das bewusste Abwenden des Blicks vom Ball, um die Umgebung zu erfassen – ist die Basis für jede intelligente Entscheidung im Fußball, Basketball oder Handball. Doch Forschungsergebnisse, unter anderem eine Feldstudie während der UEFA U17- und U21-Europameisterschaften, zeigen ein interessantes Muster: Spieler scannen nicht gleichmäßig in alle Richtungen.
Viele Athleten weisen eine visuelle Dominanz auf oder richten ihren Blick fast ausschließlich nach der Spielsituation aus („Lateral Compatibility“). Das bedeutet, sie drehen den Kopf häufiger in die Richtung, die ihrer Körperposition oder ihrer Rolle entspricht, vernachlässigen dabei aber den toten Winkel. In hochdynamischen Sportarten, wo Räume extrem eng sind, entscheiden diese Sekundenbruchteile über Erfolg oder Misserfolg.
Die Wissenschaft hinter der Einseitigkeit
Die Analyse von Kopfbewegungen bei Elite-Jugendspielern (veröffentlicht von Pokolm, Jordet et al. 2023) verdeutlicht, dass die Scan-Richtung stark von der Spielposition und der taktischen Situation abhängt. Ein Rechtsverteidiger scannt naturgemäß häufiger nach links (ins Feld hinein), während ein zentraler Mittelfeldspieler idealerweise eine 360-Grad-Sicht benötigt. Dennoch neigen viele Spieler dazu, Informationen auf ihrer „Rückseite“ seltener abzurufen.
Wissenschaftlich betrachtet handelt es sich hier oft um Gewohnheit und die sogenannte „laterale Kompatibilität“. Spieler wählen den Weg des geringsten Widerstands bei der Informationsaufnahme. Besteht hier ein Ungleichgewicht in der Trainingshistorie, scannt der Spieler primär den Raum, der ohnehin schon in seinem Sichtfeld liegt, anstatt aktiv den Rückenbereich zu prüfen.
Vergleich der Sportarten:
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Fußball: Mittelfeldspieler benötigen ein vollständiges „mentales Bild“ des Spielfelds. Wer asymmetrisch oder zu selten scannt, hat nur ein halbes Bild und trifft schlechtere Entscheidungen. Analysen zeigen, dass Top-Spieler wie Kylian Mbappé deutlich häufiger scannen als der Durchschnitt (ca. 6 Scans in 10 Sekunden vor Ballerhalt im Vergleich zu 2,8 im Premier-League-Schnitt).
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Basketball: Hier ist die Einseitigkeit oft bei Drive-Bewegungen zum Korb sichtbar. Spieler, die den Kopf beim Dribbling nur zu einer Seite orientieren, verpassen den freien Mitspieler in der gegenüberliegenden Ecke.
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Handball: Spielmacher müssen beide Außenpositionen im Blick behalten. Ein einseitiges Sehverhalten macht das Angriffsspiel für den Gegner berechenbar.
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Eishockey: Aufgrund der extremen Geschwindigkeit ist eine 360-Grad-Wahrnehmung überlebenswichtig. Hier wird oft von „Peripheral Awareness“ gesprochen.
Die Gefahr des „Ball-Watching“ und der Blind Side
Mangelndes oder einseitiges Scanning führt unweigerlich zum sogenannten „Ball-Watching“. Der Spieler fixiert nur das Spielgerät und verliert den Bezug zu Raum und Gegner. Laut Analysen der EM 2020 entstanden rund 38 % der Gegentore durch fehlerhaftes Scanning oder schlechte Körperorientierung (Quelle: Analyse Geir Jordet).
Besonders kritisch ist die „Blind Side“ – der Bereich hinter dem Rücken des Spielers, den er nicht ohne eine bewusste Kopfdrehung einsehen kann. Profis, die ihr Sehverhalten nicht optimieren, sind anfällig für Pressing-Fallen, da sie den Druck von der schwachen Seite nicht kommen sehen. Studien belegen zudem, dass eine Erhöhung der Scan-Frequenz (z.B. auf mindestens vier Scans in den 10 Sekunden vor Ballannahme) die Passgenauigkeit signifikant verbessern kann.
Praktische Tipps für das Training
Wie lässt sich einseitiges Scanning beheben? Das Ziel muss sein, die visuelle Aufmerksamkeit auf beide Seiten zu verteilen.
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Isolierte Korrektur-Drills:
Lassen Sie Spieler Passübungen durchführen, bei denen sie gezwungen sind, vor der Ballannahme nur über die „schwache“ Schulter zu schauen. Ein Trainer oder Mitspieler kann hinter dem Spieler Symbole oder Zahlen hochhalten, die laut gerufen werden müssen.
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Körperorientierung (Body Orientation):
Eine „offene“ Körperhaltung reduziert den benötigten Scan-Winkel. Spieler wie Cesc Fàbregas waren Meister darin, sich so zu positionieren, dass sie mit einer minimalen Kopfbewegung ein maximales Feld abdecken konnten.
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Video-Feedback:
Nichts ist effektiver als die Konfrontation mit der eigenen Wahrnehmung. Filmen Sie Spieler von oben und analysieren Sie gemeinsam: Zu welcher Seite schaust du öfter? Woher kam der Gegner, den du nicht gesehen hast?
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Spatial Awareness in kleinen Spielformen:
Nutzen Sie Spiele mit wechselnden Reizen, die den Spieler dazu zwingen, ständig das gesamte Umfeld abzusuchen.
Fazit: Den Blick weiten
Die Fähigkeit, das Spielfeld symmetrisch und effizient zu scannen, unterscheidet den guten vom herausragenden Spieler. Scanning ist kein angeborenes Talent, sondern ein antrainierbarer Prozess. Wer seine „Blind Side“ versteht und gezielt trainiert, gewinnt jene Millisekunden Vorsprung, die im modernen High-Speed-Sport über Sieg oder Niederlage entscheiden.
Hier setzt die RESWITCH-Methode an. Durch die einzigartigen Markierungen auf den Trainingsleibchen (Farben, Zahlen, Buchstaben, Symbole) werden Spieler in jeder Sekunde des Trainings gezwungen, den Blick vom Ball zu lösen und das gesamte Umfeld wahrzunehmen. Da sich die Spielsituationen und Teamzugehörigkeiten durch „Switches“ ständig ändern, gibt es keine statischen Ruhephasen für das Auge. Die Spieler müssen zwangsläufig beide Seiten scannen, um ihre Mitspieler und Ziele zu identifizieren. Studien zeigen bereits, dass Methoden wie RESWITCH die Scan-Frequenz um knapp 20 % steigern können.
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Quellen:
- Pokolm, M., Jordet, G. et al. (2023): "Head movement direction in football: a field study on visual scanning activity..." (Journal of Sports Sciences)
- Jordet, G. (2020/2021): Analysen zur EM 2020 und visuelle Wahrnehmung (Zusammenfassung RESWITCH).
- Engel (2023): Studie zur Steigerung der Scan-Frequenz durch RESWITCH-Training.
- Pokolm, M. et al. (2022): Scanning activity in elite youth football players.